F O R U M M E D I Z I N F O R U M M E D I Z I N F O R U M M E D I Z I N D E R B L A U E H E I N R I C H D E R B L A U E H E I N R I C H Auszug aus „Kleine Dinge“ von Benoît Coquil, S. 95 ff., 2025 Berlin Verlag, 256 Seiten, 25 Euro, ausgewählt von Katja Evers Auszüge aus „Blaue Frau“ von Antje Rávik Strubel, S. 14 ff., S. Fischer Verlage, 432 Seiten, 24 Euro ausgewählt von Katja Evers Aus der Tiefe des Trips Dann ist Gordon Wasson, renommierter Ethnomykologe, Autor mehrerer viel beachteter Werke, Ehrengast des New Yorker Century Club, Mitglied des Ehemali- genclubs der Columbia University, Vizedirektor der Werbeabteilung bei J. P. Morgan & Company, auf einen Schlag nichts mehr von alledem. Er verliert plötzlich all seine weltlichen Funktionen. Der Gelehrte, der Bankier, der Redner, der Gentleman auf Forschungsreisen, all seine Gesichter fallen ab. Er kippt hintenüber ins Leere. Für ein paar Augenblicke ist er nichts weiter als ein armer, kleiner Körper, hineingeworfen in den Kosmos. Oder eher ins Chaos. Ein schwarzer, unübersichtlicher, grenzenloser Raum. Die Stimmen von María Sabina und ihren Töchtern sind jetzt kilometerweit entfernt. Er ist allein. Ihm wird schlecht, er erhebt sich, um sich im Nachbarraum zu übergeben, dicht gefolgt von Allan. Nach zwanzig Minuten, in denen er eine Art schwarze Melasse erbricht, beruhigt sich sein Magen schließlich. Er legt sich wieder hin, behält sein Notizheft und seinen Stift nahe bei sich, versucht, die Wirkungen zurückzudrän- gen, klar zu bleiben, um schreiben zu können, doch die Pilze tragen ihn wieder fort. Für Wasson ist der große schwarze Raum zu einem Wald aus Symbolen geworden. Bilder erschei- nen. Eckige Formen zuerst, vor allem Drei- ecke, ein Scherbenregen, Spiegelscherben. Und dann ordnen sich die Dreiecke zu beweglichen bunten Oberflächen, mit Motiven orientali- scher Teppiche und rotierender Kaleidoskope. Die Oberflächen teilen sich neu auf zu drei- dimensionalen Gebilden, gewinnen an Tiefe; die Ecken runden sich, die Linien krümmen sich, das ist kein Kaleidoskop mehr, sondern eine prachtvolle Kathedrale, wo Wasson sich in goldenen Draperien verirrt, einem wahren Schwall von Draperien aus Gold und Edelstei- nen und schwülstigem Marmor, es gibt keinen leeren Raum mehr, alles füllt sich vor ihm unaufhörlich mit Gold und Silber, Onyx, Ebenholz. Wasson schafft es gerade noch, eine Hand durch die goldbraunen Drapie- rungen zu schieben, um seinen Stift zu erhaschen … Aus der Tiefe seines Trips macht er eine Geste mit seinem Arm und berührt die kalte Wand, vor der er sich hingelegt hat. Innerhalb einer Sekunde sind ihm die Mauern, die gestampfte Erde, die strenge Nacht von Huautla wieder gegenwärtig. Hinweg der Barock. So schnell die Schwerkraft wieder zu spüren dreht ihm erneut den Magen um. Er setzt sich auf, konzentriert sich auf seine Atmung und richtet den Blick starr auf etwas vor sich, den Gladiolenstrauß zum Beispiel. Er atmet ruhig ein und aus, gewinnt die Kontrolle über seine Wahrnehmungen zurück, schon ist er wieder Herr über seine Welt geworden. Die Übelkeit lässt nach. Doch sogleich fühlt er, wie ein weiteres Mal der Boden unter ihm verschwindet, wie die schelmischen Pilze an dem kosmischen Teppich ziehen, auf dem er sitzt. Wieder gleitet er weg. Der Strauß, den er betrachtet, bläht sich unmerklich, krümmt sich, wird zum kaiserlichen Streitwagen. (Siehe dazu auch den Forum-Medizin-Artikel auf S. 32 zu Substanzen wie Esketamin und Psilocybin in der Therapie schwer behandelbarer Depressionen.) In seinem Debütroman erzählt der französische Autor Benoît Coquil auf unter- haltsame Weise, wie die magischen Pilze (Magic Mushrooms) aus der mexikani- schen Hochebene zu den New Age Hippies der 1960er-Jahre gelangt sind. 40 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 0 1 | 2 0 2 6 Impressum Offizielles Mitteilungsorgan der Herausgeber Ärztekammer Hamburg und Kassenärztliche Vereinigung Hamburg Schriftleitung Für den Inhalt verantwortlich Prof. Dr. Sigrid Nikol PD Dr. Henrik Suttmann Redaktion Stephanie Hopf, M. A. (Leitung) Katja Evers, M. A. (Fr.) Karen Amme, Dipl. (Fr.) Korrektur: Birgit Hoyer (Fr.) Redaktion und Verlag Hamburger Ärzteverlag GmbH & Co KG Weidestraße 122 b, 22083 Hamburg Telefon: 0 40 / 20 22 99-205 Fax: 0 40 / 20 22 99-400 E-Mail: verlag@aekhh.de Anzeigen elbbüro Stefanie Hoffmann Bismarckstraße 2, 20259 Hamburg Telefon: 040 / 33 48 57 11 Fax: 040 / 33 48 57 14 E-Mail: anzeigen@elbbuero.com Internet: www.elbbuero.com Anzeigenpreisliste Nr. 56, gültig ab 1. Januar 2026 Anzeigenschluss Februarheft Textteilanzeigen: 16. Januar 2026 Rubrikanzeigen: 21. Januar 2026 Abonnement Jährlich 69,98 Euro inkl. Versandkosten Kündigung acht Wochen zum Halbjahresende Geschäftsführer Donald Horn Mit Autorennamen gekennzeichnete Beiträge stellen nicht in jedem Falle die Meinung der Redaktion und der Schriftlei- tung dar. Für unverlangt eingesandte Manu- s kripte wird keine Haftung übernommen. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor. Grafische Konzeption Michael von Hartz (Titelgestaltung) Redaktionsschluss Februarheft: 16. Januar 2026 Das nächste Heft erscheint am 10. Februar 2026 Druck, Verarbeitung und Versand Bonifatius GmbH Paderborn Auflage: 19.076