F O r u M M E D I z I N F O r u M M E D I z I N F O r u M M E D I z I N D E r b L a u E H E I N r I c H D E r b L a u E H E I N r I c H Auszug aus „Die Holländerinnen“ von Dorothee Elmiger, S. 19 ff., 2025 Hanser Verlag, 160 Seiten, 23 Euro, ausgewählt von Katja Evers Auszüge aus „Blaue Frau“ von Antje Rávik Strubel, S. 14 ff., S. Fischer Verlage, 432 Seiten, 24 Euro ausgewählt von Katja Evers Das Ich gibt es nicht Erst im Nachhinein, Wochen später, habe sie zu verstehen gemeint, dass ihre Beun- ruhigung womöglich mit den aufgelassenen Plantagen, den verfallenen Fincas zu tun gehabt habe, den ellenlangen, nun verwaisten Straßen, die die United Fruit Company beinahe hundert Jahre zuvor wie ein Gitter durch das ehemalige Waldgebiet gezogen habe. Sie sei jedenfalls schweigend mitgefahren, schweigend und schauend, alles registrierend, schließlich habe der Theatermacher dies, die Mitschrift, das Protokoll aller Dinge, als ihre Aufgabe beschrieben – vorausgesetzt, sie habe ihn im Januar, als sie mit blinkenden Lichtern am Straßenrand gestanden habe, richtig verstanden –, und irgendwann habe sich der Fluss, den die Einheimischen die Schlange genannt hätten, weit und weiter geöffnet, und das Motorboot sei in einem weiten Bogen in den lichtblauen Ozean hinausgeschnellt. Erst als das Gefährt sich über die zerklüftete Ober- fläche des Pazifiks bewegt habe, stets aufs Neue aus den Wellentälern emporgeschossen und kurze Zeit später jäh wieder abgestürzt, aus großer Höhe in die Tiefe gefallen sei, sodass sich die Leute an den schmalen, harten Bänken hätten festklammern müssen – erst dann, sagt sie, sei sie ins Gespräch mit der sehr jungen, offensichtlich allein reisenden Frau neben ihr gekommen, die, wie sich bald he- rausgestellt habe, aus einer nordöstlichen Talschaft im Schweizer Voralpengebiet gekommen sei. Auch diese Frau, sagt sie, habe der Theatermacher für sein Stück engagiert. Ihre Aufgabe, so habe sie in der Folge erklärt, sei es, eine der Holländerinnen darzustellen, um die sich das Vorhaben, das auf allen Dokumenten mit dem Arbeitstitel Die Hol- länderinnen ausgewiesen gewesen sei, in seinem Kern ja gedreht habe, aber als sie die Schweizerin über den Lärm des Motors hinweg gefragt habe, ob sie also Schauspielerin sei, habe die Schweizerin verneint und gelacht, sie sei, wenn man so wolle, das Gegenteil einer Schauspielerin, zumindest liege ihr nichts ferner, als sich auf eine Bühne zu stellen, davor graue ihr in höchstem Maße, und ehrlich gesagt graue ihr auch vor den Leuten, die das Bedürfnis verspürten, sich auf diese Weise hin- und auszustellen, sich für alle sichtbar beleuchten zu lassen. Dies habe sie auch dem Theatermacher gesagt, als er mit seiner Anfrage an sie herangetreten sei, aber er habe sich nicht beirren lassen; er selbst, so habe er erklärt, sei nicht interessiert an dieser Form des Schauspiels, es gehe ihm, wenn überhaupt, um eine ganz andere Art der Verkörperung, und er brauche sie so gesehen nicht als Darstellerin einer anderen, sondern als diejenige, die sie sei, mit ihrem ganz spezifischen Wissen, ihrer spezifischen Herkunft, ihrer ganz eigenen Er- fahrung als Frau, als Europäerin, als angehender Agronomin und so weiter. Er selbst verstehe sich als Materialist, seine Herangehensweise, so habe er es zumindest immer sehen wollen, sei geprägt von der Überzeugung, dass es das Ich nicht gebe, sondern nur Beziehungen, in denen so etwas wie ein Ich auftrete. Sie werde sich, habe er zu ihr gesagt, im Laufe der Arbeit also verdoppeln, ja vervielfachen, es würden, im besten Falle, andere, verschüttete Teile ihrer selbst zum Vorschein kommen, aber sie müsse nicht befürchten, dass man sie auffordern werde, zu spielen. Eine namenlose Schriftstellerin wird von einem theatermacher engagiert, um mit einer truppe in den südamerikanischen regenwald zu reisen. Dort wollen sie den mysteriösen Fall zweier niederländischer Frauen rekonstruieren, die vor Jahren im Dschungel verschwunden sind. Die Schweizerin Dorothee Elmiger, geboren 1985, erhielt für ihren dritter roman „Die Holländerinnen“ 2025 den Deutschen buchpreis, den bayerischen buchpreis und den Schweizer buchpreis. 34 H a M b u r g E r Ä r z t E b L a t t 0 2 | 2 0 2 6 Impressum Offizielles Mitteilungsorgan der Herausgeber Ärztekammer Hamburg und Kassenärztliche Vereinigung Hamburg Schriftleitung Für den Inhalt verantwortlich Prof. Dr. Sigrid Nikol PD Dr. Henrik Suttmann Redaktion Stephanie Hopf, M. A. (Leitung) Katja Evers, M. A. (Fr.) Karen Amme, Dipl. (Fr.) Korrektur: Birgit Hoyer (Fr.) Redaktion und Verlag Hamburger Ärzteverlag GmbH & Co KG Weidestraße 122 b, 22083 Hamburg Telefon: 0 40 / 20 22 99-205 Fax: 0 40 / 20 22 99-400 E-Mail: verlag@aekhh.de Anzeigen elbbüro Stefanie Hoffmann Bismarckstraße 2, 20259 Hamburg Telefon: 040 / 33 48 57 11 Fax: 040 / 33 48 57 14 E-Mail: anzeigen@elbbuero.com Internet: www.elbbuero.com Anzeigenpreisliste Nr. 56, gültig ab 1. 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